pedalglobal.net
pedalglobal.net
radreisen
in Vorbereitung: 3onTour!
Tadschikistan II (Uli)

  
Tadschikistan
9. September 2008

Tadschikistan II (Uli)

27.8.2008 - 8.9.2008

7543 km, Sary Tash (KS)

Khorog - Alichur - Murghab - Karakol - kirgisische Grenze

Nach über 500 Kilometern, 8000 Höhenmetern und 10 Radltagen erreichen wir schliesslich Khorog. Wir quartieren uns in der sehr einfachen aber preiswerten Pamir Lodge ein, waschen Wäsche säubern die Räder, und geniessen die angenehme Ruhe und den Schatten. Es gibt einen richtigen Basar, auf dem wir uns richtig gut für den Pamir Highway eindecken können. Zahlreiche Radler steigen hier ab. Die meisten sind "normale" Radler, die ihren Urlaub hier verbringen um den Pamir Highway oder kleinere Täler der Umgebung zu beradeln. Da viele hier in Khorog ihre Tour beenden um mit einem Bus nach Dushanbe zu fahren, findet hier ein reger Tausch-, oder eigentlich besser gesagt, Geschenkhandel statt. Weiterfahrende Radler bekommen Ersatzteile oder andere Ausrüstung von den "Urlaubern". Auch Bine bemüht sich um ein Paar Pedale, da aber die meisten mit Clickies fahren, bleibt sie erfolglos. Dirk bekommt Ersatzschläuche mit französischem Ventil und Trockennahrung für den hohen Pamir. Andere tauschen Felgen oder Mäntel. Die Pamir Lodge wird ein kleiner Fahrradbasar!
Bine geniesst die ruhige Pamir Lodge in Khorog (TJ, August 2008)
Bine geniesst die ruhige Pamir Lodge in Khorog (TJ, August 2008)
Wir bleiben 2 Tage, um uns auf die letzte Etappe in Tadschikistan vorzubereiten - dem Pamir Highway, der über das Pamir Plateau nach Kirgisien führt und dabei zahlreiche 4000er Pässe überquert. Eine gute Kraftquelle dafür ist das Kafe Varka in Khorog. Ein russisches Lokal, stockdunkel und nur mit einem Licht pro Tisch und rotem Plüschdekor ausgestattet, das auf den ersten Blick etwas zwielichtig und mafiamässig erscheinen mag. Aber die Atmosphäre, das Essen und vor allem das Bier (eh klar, Baltika vom besten) geniessen Bine und ich jeden Abend. Stunden sitzen wir dort drinnen, essen russisches Hähnchen und russischen Salat, hören russische Popmusik oder Enrique Iglesias, trinken jede Menge Bier und plaudern über unsere tolle Reise, über unsere intensiven Erfahrungen der letzten Wochen und planen die kommende Etappe. Das tut gut. Den letzten Abend verbringen wir dort mit einem neuseeländischem Radlerpaar, mit denen wir uns gut verstehen und die ebenfalls nach Kirgisien radeln wollen, allerdings eine andere Route. Nochmals stossen wir an - auf den Pamir!

Wieder zu zweit

Am nächsten Tag gehts weiter. Wieder zu zweit - Dirk und wir gehen getrennte Wege. Dirk ist zu sehr Einzelgänger, dass das auf längere Zeit als Team gut geht. So geniessen wir die wiedergewonne Unabhängigkeit. Leider fühle ich mich vom ersten Meter an schwach, die Asfaltstrasse geht nur leicht hinauf, aber mir kostet es ganz schöne Anstrengung.
Tadschikistan Tadschikistan
Das erste Auto, das erfolgreich den Pamir Highway gefahren ist - Khorog (TJ, August 2008)
Das erste Auto, das erfolgreich den Pamir Highway gefahren ist - Khorog (TJ, August 2008)
Ich merke, dass ich nicht gesund bin. Am ersten Tag gehts noch, obwohl das Radln keinen Spass macht. Am zweiten Tag zu Mittag bin ich erledigt. Mit wird übel, bekomme Fieber und Durchfall. So verbringen wir 1 1/2 Tage im Zelt, neben einem Haus und Garten. Die Frauen dort sind sehr schüchtern und zurückhaltend, als aber das Eis gebrochen ist, versorgen sie uns mit Essen und Tee. Wir revanchieren uns mit Keksen. Ich nehme Metrodinazole, und zum Glück schlägt es an. Ich habe also Giardia, eine hartnäckige Durchfallerkrankung. Noch geschwächt, aber froh die nun vor uns liegende Strecke endlich unter die Räder nehmen zu können, gehts nun stetig bergauf. Von 2100 Meter in Khorog auf den ersten Pass auf 4300 Meter. Wir haben so wie fast immer in ganz Tadschikistan ein Traumwetter.
Tadschikistan Tadschikistan
Am Weg von Khorog nach Jalondy - Pamir Highway (TJ, August 2008)
Am Weg von Khorog nach Jalondy - Pamir Highway (TJ, August 2008)
Die Berge werden höher, immer öfter sind die Bergspitzen mit Schnee bedeckt, immer öfter entdecken wir kleine Gletscher an den schroffen Hängen. Bine und ich geniessen jede Minute. Für uns ist der Pamir Highway das "kleine Tibet Light", da wir wegen Visum und Jahreszeit Tibet wohl nicht beradeln werden. Ein paar Ortschaften gibt es noch, ein paar Geschäfte auch. Es werden die letzten für längere Zeit sein, denn am Pamir Plateau gibt es im gesamten nur drei kleine Ansiedlungen, der Rest wird pure Einsamkeit sein. 3 Autos pro Tag soll es nur geben.

Auf über 4000 Meter

Im letzten Ort vor dem Kaijtezek Pass wollen wir nochmals einkaufen, aber es gibt eigentlich nichts. Ein "Magazin" entpuppt sich als dunkler Raum wo ein paar Kartons mit Keksen herumstehen. So füllen wir wieder Wasser an und weiter gehts. Unterhalb des ersten Passes auf 3900 Metern kampieren wir. Mit der Höhe haben wir nie Probleme. Mit dem Fahrrad und eigener Kraft gewöhnt man sich fast automatisch daran. Der Grossteil des Highways ist Asfalt, nur die meisten Abschnitte vor und nach den Pässen sind Schotter. Allerdings Schotterpisten in schlechter Tibetqualität. Und die Steigungen sind auch nicht ohne. So gehts dann, trotz bis dahin gemütlicher Asfaltanstiege direkt vor den Pässen doch zur Sache. Vormittags sind wir beide am Pass - 4290 Meter Seehöhe. Wir sind stolz von Wien aus am Landweg so weit gekommen zu sein. Gleich daneben vergletscherte Berge, die Landschaft nun Mond-artig, trocken und sehr karg. Die Runterfahrt ist wie in Tibet: mit 10 km/h hinunterbremsen, möglichst schonend in dem tiefen Schotter oder dem nervigen Wellblech, um die Felge nicht zu ruinieren. Aber viel runter gehts eh nicht. Auf der anderen Seite des Passes bleiben wir nun immer so auf 3900 Metern - das Pamir Plateau ist erreicht. Ein zweiter Pass am gleichen Tag erwischt Bine eiskalt. Schlechte Schotterpiste und einer sehr steiler Anstieg zwingen sie zum Schieben. So erreichen wir wieder mehr als 4200 Meter. Die Zeltplätze sind natürlich einmalig, und leicht zu finden.
Tadschikistan Tadschikistan
Bine auf ihrem ersten 4000er Pass - am 4300 Meter hohen Koytezek Pass - Pamir Highway (TJ, September 2008)
Bine auf ihrem ersten 4000er Pass - am 4300 Meter hohen Koytezek Pass - Pamir Highway (TJ, September 2008)
Nur 3 Fahrzeuge am Tag fahren leider nicht, aber der Autoverkehr ist so gering, dass man nicht grossartig nach Verstecken suchen muss. Seit seit einigen Jahren die Grenze zwischen Tadschikistan und China offen ist (nicht für Touristen), ist diese Strassenverbindung wieder wichtiger geworden. Täglich passieren uns einige der grossen, chinesischen Sattelschlepper die vom oder zum Kulma Pass nach/von Khorog fahren. Abgesehen davon gibt es noch ein paar Kleinbusse. Aber mehr als 20 Fahrzeuge am Tag sehen wir auch nicht. Alichur, der erste der 3 kleinen Orte, versorgt uns wieder mit ein paar Keksen, Wasser und Suppe. Hier im östlichen Pamir leben vor allem Kirgisen. Zahlreiche Jurten stehen in der Ebene von Alichur, die Männer tragen die typischen Filzhüte. Yakherden begrasen das karge Grün der Täler. Kurz vor Murghab, dem zweiten und wichtigsten Ort der Region, wird zum zweiten Mal unser GBAO Permit überprüft. Ein sinnloses aber zu bezahlendes Stück Papier, das es uns erlaubt in dieser Gegend unterwegs zu sein. Immerhin, denn bis vor wenigen Jahren war diese Strecke für Touristen gesperrt. In Murghab gibt es ein wenig mehr, ein kleiner Basar bietet zum Beispiel auch Schokolade oder ein bisschen Gemüse, und ein kleines Kafe bringt uns in den Genuss von Reis und Eiern!
Tadschikistan Tadschikistan
Tolles Panorama am Pamir Plateau vor Alichur - Pamir Highway (TJ, September 2008)
Tolles Panorama am Pamir Plateau vor Alichur - Pamir Highway (TJ, September 2008)
Wir treffen zwei so 60 Jährige Deutsche, die allerdings individuell als Backpacker unterwegs sind. Das beeindruckt uns sehr, denn Leute in diesem Alter setzen sich normalerweise nicht diesem unkomfortablen, unvorhersehbaren Reiseleben aus. Respekt!

Gegenwind, Kälte und Schnee

Ab Murghab ändert sich eines - der Wind. Hatten wir eigentlich fast immer Rückenwind, so bläst es uns nun ordentlich ins Gesicht. Besonders am Nachmittag nimmt der Wind sturmartige Formen an. Und es wird kalt. So kalt, dass wir tagsüber Gesichtsmasken tragen müssen, damit uns der eiskalte Gegenwind nichts anhaben kann. Die Zeltplatzsuche wird nun schwieriger. Denn nun gilt es, einen halbwegs windgeschützten Platz zu finden. So schieben wir die Räder einen steinigen Hang hinauf, oder wir überqueren ausgetrocknete Flussbetten, um einen guten Platz zu ergattern.
Tadschikistan Tadschikistan
Wunderschöner Morgen auf 4500 Meter - Pamir Highway (TJ, September 2008)
Wunderschöner Morgen auf 4500 Meter - Pamir Highway (TJ, September 2008)
Nachts flaut der Wind dann ab, und die Temperatur sinkt unter Null Grad. Das Wasser der Plastikflaschen ist morgens gefroren, und unsere SIGG Aluminiumflaschen - kaputt! Das gefrorene Wasser hat die Flaschen bersten lassen. Selber Schuld, wir hätten sie ins Zelt mitnehmen müssen. Der Akbaital Pass ist der höchste Punkt des Pamir Highways. Und für mich vielleicht der Höhepunkt der ganzen Reise, der Höhepunkt der letzten 6 Monate. Wir kampieren am Vorabend auf rund 4300 Meter. Direkt vor dem eigentlichen Aufstieg auf den Pass. In der Nacht fällt einiges an Schnee, wir haben schon Angst, dass die Strasse unpassierbar wird. Immer wieder klopfen wir von innen auf die Zeltwände, um das Zelt von der Schneelast zu befreien. Am irgendwas hört es auf zu Schnee, und am nächsten Morgen passiert genau das, was ich so erhofft habe. Blauer, makelloser Himmel, Sonnenschein. Und eine tolle Winter- und Berglandschaft um uns herum. Es ist zwar ziemlich kalt, alles Wasser gefroren, aber das hält uns nicht davon ab, aus dem Zelt zu steigen und zahlreiche Fotos zu schiessen. Einfach traumhaft! Die Auffahrt auf den Pass ist dann schneefrei, aber ganz schön schwer.
Tadschikistan Tadschikistan
Bine schiebt ihr Rad hinauf auf den 4655 Meter hohen Akbaital Pass - Pamir Highway (TJ, September 2008)
Bine schiebt ihr Rad hinauf auf den 4655 Meter hohen Akbaital Pass - Pamir Highway (TJ, September 2008)
Tadschikistan Tadschikistan
Wir genossen ein tolles Früstück in dieser Jurte - nach Akbaital Pass - Pamir Highway (TJ, September 2008)
Wir genossen ein tolles Früstück in dieser Jurte - nach Akbaital Pass - Pamir Highway (TJ, September 2008)
Da merken wir wohl doch die Höhe, denn auf den letzten paar Hundert Strassenmetern bleibe ich 3 mal stehen um Luft zu holen. Und dann sind wir oben. 4655 Meter! Bines neuer Rekord. Winterlandschaft und blauer Himmel um uns herum. Das ist es! Umarmung, Fotos, Jägermeister trinken. Alles wie im Traum. Die Abfahrt ist dann wieder nervenaufreibend. Wellblechpiste und tiefer Schotter am Rand. In einer Jurte bekommen wir super Brot, frische Butter und heissen Tee. Das kommt genau richtig. Denn uns ist nach wie vor sehr kalt. Besonders Hände und Füsse schmerzen vor Kälte. Aber die gemütliche Jurte wärmt uns auf.

Zur kirgisischen Grenze

Der Karakol See ist ein tiefblauer See auf 4000 Meter Höhe. Der gleichnamige Ort, der letzte in Tadschikistan, bringt uns ein gutes Essen in einem kleinen "Homestay", so werden die Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen, hier vor allem für die zahlreichen Radouristen im Sommer, genannt. Hinter dem See zahlreiche, schneebedeckte 6000er Berge. Toll! Ein weiterer Pass bringt uns wieder auf 4300 Meter. Der Gegenwind ist so brutal, dass ich zum Frieren anfangen. Und obwohl es bergab geht, müssen wir kräftig treten um überhaupt vorwärts zu kommen. Wir versuchen, so schnell wie möglich an Höhe zu verlieren. Plötzlich sehe ich gigantische Berge. "DAS IST DER PIK LENIN!", schreie ich zu Bine, denn der Wind macht eine andere Art der Konversation unmöglich. Ein toller, 7500 Meter hohe Schneeriese. Zu dem brutalen Gegenwind kommt nun eine akute Durchfallattacke meinerseits hinzu. In letzter Minute schnappe ich mir die Klopapierrolle und rette mich einen Abhang hinunter. Der Rest ist Schweigen... Zum Glück finden wir dann, über ein Bachbett drüber, einen ganz guten windgeschützten Platz für unser Nachtlager. Puuuh, geschafft! Nun sind wir fast direkt vor der kirgisischen Grenze. Der tadschikische Zoll liegt auf 4200 Meter Höhe. Ein paar Baracken, ein paar Container bilden den Grenzübergang. Daneben grast eine Yakherde.
Tadschikistan Tadschikistan
Bine schaut ein letztes Mal zurück nach Tadschikistan - Kizil Art Pass (KS, September 2008)
Bine schaut ein letztes Mal zurück nach Tadschikistan - Kizil Art Pass (KS, September 2008)
Diese Grenze ist nur im Sommer offen, im Winter ist hier alles tief verschneit. Nach der problemlosen tadschikischen Ausreise gehts noch 100 Höhenmeter hinauf zum Kyzyl-Art Pass, der die Grenze zwischen Tadschikistan und Kirgisien bildet. Leider ist alles wolkenverhangen, denn der Pik Lenin ist hier sehr nahe. Ein eiskalter Wind bläst und lässt uns nicht mehr viel Zeit. Wir schwingen uns auf unsere Räder und rattern die furchtbare Rüttelpiste hinunter nach Kirgisien. Und lassen das für uns so beeindruckende und intensiv erlebte Tadschikistan hinter uns.
Alle Rechte vorbehalten. Wien - Österreich.
@ pedalglobal.net 1997-2019
Website hosted von
inetsolutions.de - Tomcat & Java Hosting